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DER :NEWSLETTER


Liebe Freischreiberinnen und Freischreiber,
liebe Leserinnen und Leser,

auch wenn es schwer fällt: den bösen Mann mit den gelben Haaren lassen wir mal kurz rechts liegen und schauen lieber Richtung München! Denn dort wird in gut zwei Wochen eine nächste und zwar außerordentliche Mitgliederversammlung der VG Wort tagen. Und das genau am 26.11., 10 Uhr im Künstlerhaus am Lenbachplatz.
 
Wir erinnern uns: Die letzte Versammlung endete damit, dass es zu keiner Entscheidung kam, wie und wann die zu Unrecht an die Verlage ausgezahlten Tantiemen stattdessen an die Autoren zurück überwiesen werden. Zugleich konnten aber mittels einer Sperrminorität verhindert werden, dass die  Mitglieder der VG Wort über einen kurzfristig geänderten Verteilungsplan entscheiden, dessen Folgen sie nicht abschätzen konnten.
 
Uns wurde vorgeworfen, wir würden damit Auszahlungen blockieren. Doch mittlerweile hat der Verwaltungsrat der VG Wort die Verleger aufgefordert, die ihnen zu Unrecht gezahlten Erlöse zurück zu überweisen. Die Summe, um die es geht: 100 Millionen in Euro. Diese Praxis verfolgt übrigens auch die VG Bild/Kunst. Womit allerdings das Geld noch nicht bei uns Autoren angekommen ist!
 
Dass die Denkpause dem Verteilungsplan gut getan hat zeigt der neue Entwurf, den die VG Wort dieser Tage an die Mitglieder verschickt hat und über den in München abgestimmt wird. So müssen die Verleger nun in einem gestaffelten Verfahren offenlegen, dass ihnen durch die Rückzahlung tatsächlich die Insolvenz droht. Bei hohen Summen, die fällig sind, wird dies zusätzlich von einem Wirtschaftsprüfer kontrolliert. Dies ist ganz offensichtlich ein Erfolg unseres Protests.

Unsere Kritik an dem angeblich freiwilligen und anonymisierten Rücktrittsverfahren bleibt aber auch in der neuen Fassung erhalten.
 
Warum? Einer der Akteure – der Börsenverein – ist ganz offenbar kräftig dabei, nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Verlage wie geplant von ihrer Pflicht der Rückzahlung zu befreien, wie ein Dokument belegt, auf das unter anderem „irights.info“ hingewiesen hat: „In einem umfangreichen Schreiben an die Mitgliedsverlage im Börsenverein, das die Berliner Piratenpartei veröffentlicht hat, werden verschiedene Optionen diskutiert, mit denen Verlage auf Rückforderungen der VG Wort reagieren können. Der „einzige realistische Ausweg“, um Rückzahlungen der Verlage zu verhindern, sei eine „Verrechnungslösung“, heißt es darin. Bei der sogenannten „Verrechnung“ sollen Autoren erklären, dass sie ihre Ansprüche gegenüber der VG Wort abtreten; die Verwertungsgesellschaft würde auf Rückforderung gegenüber den Verlagen verzichten.“
 
Damit nicht genug: Die lustige Idee, Autoren und Autorinnen sollen ihrerseits auf ihre Ansprüche verzichten, begeistert neben dem Börsenverein und einigen Buchverlagen mittlerweile auch den Verband der Zeitschriftenverleger, der so ebenfalls entsprechende Verzichtserklärungen von Autoren und Autorinnen für Zeitungen und Magazine einfordern will. „Dass nicht nur Buchautoren ihren Buchverlagen unter die Arme greifen sollen, zwischen denen oft ein enges, vertrauensvolles Verhältnis besteht, sondern auch Journalisten den Presseverlagen, war in der Öffentlichkeit bislang kein Thema. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ etwa hatte in ihrer Berichterstattung über die VG Wort das Gegenteil behauptet.“, schreibt dazu Freischreiber Stefan Niggemeier auf seinem Portal „uebermedien.de“, wo er den Konflikt übrigens auch noch einmal in gebotener Ausführlichkeit schildert.
 
Das wäre doch mal was: Journalisten und Journalisten, die oft für schlappe Honorare und unter widrigen Bedingungen (von Buy-Out-Verträgen bis zu seltsamen Scheinselbstständigkeitszuständen) für Zeitungen und Zeitschriften arbeiten, verzichten (mehr oder weniger) freiwillig auf die Erlöse, die ihnen unzweifelhaft zustehen. Und reichen diese freizügig an die Zeitungs- und Magazinverleger weiter.
 
Also irgendwie können wir uns das nicht so recht vorstellen (und wir haben uns wirklich Mühe gegeben). Und so rufen wir alle freien Autoren und Autorinnen, die Mitglied in der VG Wort sind, dazu auf, am 26ten November eben in München vor Ort zu sein.
 
Was genau unsere Vorstellungen im Detail sind und wie man diese in einen entsprechenden Antrag gießen könnte, daran tüfteln wir gerade – und werden sie rechtzeitig bekannt geben (und nicht erst beim Betreten des Saals).
 
PS: Hinweisen möchten wir in diesem Kontext auf einen langen und und recht offenen Artikel in der Taz von Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlages  und zugleich freier Autor und Publizist, wie er offen legt. Er betrachtet die VG-Wort-Geschichte entsprechend aus unterschiedlichen Richtungen, weil Interessenlagen und sieht etwa als Verleger die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn besonders kleine Literaturverlage die ihnen unrechtmäßig zugestandenen Gelder nun zurück überweisen müssen: „Dass einige Verlage keine ausreichenden Rücklagen gebildet haben, mögen Ökonomen belächeln, die Klagesituation war ja bekannt. Doch gerade unabhängige Verlage zeigen oft großen Enthusiasmus, und nicht selten investieren sie jenes Geld, das sie gemäß der BWL ansparen sollten, lieber in ein Projekt, bei dem nicht sicher ist, ob es Gewinn erwirtschaften wird. Das gerät der Literatur oft genug zum Vorteil.“
Sundermeier sieht aber auch die Situation der Journalisten und wird hier ebenfalls persönlich: „Ich selbst habe als Autor Verträge zugeschickt bekommen, denen zufolge ich bis zum Ablauf des gesetzlichen Urheberschutzes (70 Jahre nach meinem Tod) absolut alle Rechte an meinem Text einem Verlag oder einem Onlineanbieter zur Verfügung stellen soll – gegen einmalige, knappe Vergütung. Dies Gebaren erklärt die Wut vieler, vor allem vieler Journalistinnen und Journalisten, die bei den Versammlungen der VG Wort vehement gegen jede Kompromisslösung mit den Verlagen votieren.“ Einen Kompromiss schlägt freilich auch Sundermeier nicht vor. Auch er erwartet, dass die Urheber verzichten. Aus unserer Sicht kann es aber nicht sein, dass kleine Verlage wie der von Sundermeier auf dem Rücken oft schlecht bezahlter Urheber gerettet werden. Da sollte sich die Politik etwas anderes einfallen lassen.
 
Wir werden also weiter dafür streiten, dass das Urteil des Bundesgerichtshofs zu Gunsten der Urheber von der VG Wort in vollem Umfang umgesetzt wird und sind gespannt auf die Mitgliederversammlung.
 
 
Freischreiberiges
 
Freischreiber Jakob Vicari ist in der Kategorie „Beste Wissenschaftsreportage“ beim Reporterpreis nominiert. Wir drücken ihm beherzt die Daumen, dass es für ihn mit seiner Geschichte über die Kuh Sunshine und die deutsche Landwirtschaft eine Etage weiter nach oben geht.

Freischreiber Michael Schmidt präsentiert dieser Tage einen Schottland-Kalender: „Einsame Straßen, eingefasst von groben Steinmauern ziehen sich durch eine saftig grüne Landschaft. Am Ende des Weges locken azurblaues Wasser und der feine Sand von Faraid Head an Schottlands Nordwestspitze. Es sind die schönsten Seiten des hohen Nordens, den der Bildkalender „Land of Whisky“— für Schottland- und Whiskyfreunde zeigt.”
 
Und Freischreiberin Lisa-Marie Eckardt wiederum arbeitet derzeit dank der Unterstützung des Vocer Innovation Media Lab an einem Multimediaprojekt die Geschichte ihrer Oma auf und lädt die Leser und Leserinnen ein, daran teilzuhaben: „Die Heimat meiner Oma liegt heute in Polen. Eines jener Gebiete, die 12 bis 14 Millionen Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flucht und Vertreibung verlassen mussten. Meine Oma war eine von ihnen. Ihre Geschichte hat mich mein Leben lang begleitet. Bis in das hohe Alter von 93 Jahren wusste sie noch fast jedes Detail, erzählte mir immer wieder von den schrecklichen Erinnerungen, die ihr Gedächtnis sie nie vergessen lassen wollte. Irgendwann werde ich sie für dich ausschreiben, habe ich oft versprochen. Leider hat sie das nicht mehr erlebt.
 
Dies & auch das
 
Klotzen statt kleckern denkt sich dieser Tage Correctiv-Chef Daniel Schraven – und fordert einen Topf von einer Milliarde an Euros. In Zahlen: 1.000.000 Euro. Für den Wächter-Journalismus! Der sei in der Vergangenheit durch den so genannten Profit-Journalismus gesichert gewesen, der langfristige, fundierte und vor allem finanzintensive Recherchen ermöglicht habe. Doch jetzt, wo eine Zeitung nach der anderen schließt und sich ein Medium nach dem anderen verabschiedet, reiche der herkömmliche Journalismus eben nicht mehr aus: „Es kommt nicht von ungefähr, dass derzeit Populisten, die für unsere Demokratie gefährlich werden, vor allem in Gegenden erstarken, in denen die Medien vor Ort ausgedünnt sind. Sei es in Mecklenburg-Vorpommern rund um Anklam. Wo es kaum kritische Berichterstattung gibt. Oder in den Dörfern des Sauerlandes, die weitgehend sich selbst überlassen sind. Ohne lokale Zeitungen und lokale Aufklärung gedeihen hier Gerüchte und Hetzer.“ Und da müsse nun Geld aus dem 1-Milliarde-Wächter-Journalismus-Topf greifen: „Mit einer Milliarde Euro könnten in den 680 Städten Deutschland mit mehr als 20.000 Einwohnern, in vielen Kleinstädten und etlichen Dörfern über 2000 Reporter bezahlt werden, die sich allein der Aufklärung verschreiben.“
 
Dem so genannten Non-Profit-Journalismus, der auf Stiftungen, Sponsoren und Spender aller Arten und Daseinsformen setzt, widmet sich Daniel Bouhs. Er hat die entsprechende, mittlerweile ernüchterte Szene beleuchtet und stellt unter anderem „Torial“ von Marcus Jordan und Moritz Tschermak vom „Bildblog“ vor: „Weniger Abonnenten und Werbekunden: Journalisten suchen vor allem für aufwendige Recherchen neue Geldquellen. Die Hoffnung: Vermögende und Stiftungen. Das klappt allerdings erst dann gut, wenn Spender dies von der Steuer absetzen können. Einige Journalisten wünschen sich deshalb, dass Journalismus als gemeinnützig anerkannt wird. Das würde Geldgebern wie Unternehmungen Steuervorteile bringen.“
 
Dem guten, alten Medienwandel widmeten sich die Medientage in München, die wiederum betrachtet Christian Jakubetz ("Und ich mache ziemlich viel mit allen möglichen Medien“), der dabei auch schon mal in das kommende Jahr schaut: „Sicher hingegen ist: Die bisherigen Nachrichten- und Medienorganisationen bekommen Mitbewerber. Reichlich viele und reichlich gute. Es ist gerade mal knapp zehn Jahre her, da glaubten etablierte Verlagsvorstände ernsthaft, Google und viele andere seien in zehn Jahren (also 2017) tot. Und dann komme die Rückkehr zur etablierten journalistischen Ordnung. Was für ein Trugschluss…“
 
Und wo wir eben schon in Richtung 2017 schauten: Nicht vergessen – dieser Tage sich bei der KSK melden! Mittlerweile geht das übrigens auch online!
 
Preise, Ausschreibungen und Seminare & Co
 
Die JournalistenAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet ein Interview-Seminar: „Wer fragt, der führt“. Und das in München vom 17.11. bis zum 18.11.: „Ein Interviews mit politischen Akteur_innen ist es oft schwierig, den Dingen auf den Grund zu kommen. Das Gegenüber weicht aus oder will die eigene Botschaft platzieren. Vor allem Berufseinsteigende oder junge Journalist_innen benötigen darum die Sicherheit und das Handwerkszeug, Interviews hart an der Sache orientiert, aber fair im Ton zu führen. Dabei ist es wichtig, den roten Faden im Blick zu behalten, aber auch die Bedürfnisse der politischen Gesprächspartner nicht aus den Augen zu verlieren. In Zusammenarbeit mit den Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung stellen sich zwei politische Akteur_innen unseren Interviewfragen.“
 
Die in Hamburg ansässige Akademie für Publizistik verweist auf ihr Seminarprogramm im kommenden Jahr, das besonders für freie Journalisten immer wieder interessant ist. Und darauf, dass sie umzieht: von der Alster an die Elbe, womit der Blick aufs Wasser gewahrt bleibt.
 
So. Das wars schon wieder. Und wieder ist er länger als beabsichtigt geworden, dieser Newsletter. Und da wir sowieso schon über dem selbstgesetzten Limit sind, noch eine letzte Leseempfehlung: ein schönes, elegant formuliertes und auch zorniges Bekenntnis zum Lokaljournalismus von der jungen Kollegin Anna Mayr in Form einer Reportage, was man so als junge Lokalreporterin erlebt: „Ich komme an einen Tisch, der draußen, drei Gehminuten von meinem Schreibtisch entfernt liegt, hinter mir dackelt ein Praktikant, am Tisch sitzen fünf Männer kurz nach den besten Jahren. Ich schüttle Hände, stelle mich vor und beginne, Vor- und Nachnamen zu erfragen. Verdutzte Blicke. „Ich bin neu, es tut mir sehr Leid, dass ich die wichtigen Persönlichkeiten noch nicht kenne“, sage ich. Die Blicke immer noch verdutzt, die Namen bekomme ich jetzt. Als ich drei von fünf Namen habe, beginnt einer das Gespräch. Ich unterbreche, wieder. „Und Sie sind?“, frage ich die zwei anderen, inzwischen etwas genervt. Einer zieht jetzt seinen Block aus der Tasche und winkt damit. „Die Konkurrenz“, sagt er.“
 
In diesem Sinne, kommen Sie gut durch den Frühwinter

Die Freischreiber

Für Mitglieder:
Presseausweis 2017 jetzt beantragen
Am 19.11. findet der VOCER Innovation Day in Hamburg statt, zudem man sich nur noch HEUTE anmelden kann.
Freischreiber in Frankfurt
am 29. April 2017


Mitgliederversammlung, Freischreiber-Workshops und Himmel- und Höllepreisverleihung
finden 2017 am 29. April in Frankfurt statt.
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